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UELI CUSTER Zum zehnten Mal liegt der Jahresendausgabe die Karte der schweizerischen Medienverflechtungen bei. Daraus sind auf den ersten Blick vergleichsweise wenige Veränderungen sichtbar. Noch nicht vollzogen ist das Berner Modell, das in der Karte bereits vorweggenommen wird. Medienhäuser (auf www.mtj.ch) zeigt, dass Strukturbereinigungen ein wichtiges Thema waren. Neben der Einstellung oder Fusion von Titeln und Beilagen wurden Töchter fusioniert, neue Partner gesucht oder letzte Beteiligungen aus den Zeiten der Interneteuphorie abgestossen.
Duopol für die Online-Vermarktung
Im Online-Bereich ergab sich durch den Einstieg der Goldbach Media bei der Adlink Internet Media (an der bis 2002 die Tamedia mit einem Drittel beteiligt war) eine Konzentration bei der Werbevermittlung im Internet, die jetzt durch das Duopol Adlink und Publimedia Webadvertising beherrscht wird. Ausserdem hat Goldbach Media noch Ende 2002 sowohl das Finanzportal Moneycab als auch den Content Provider Swisscontent an deren Management abgestossen. Genau dasselbe passierte mit der gemeinsamen Online-Tochter Swissclick von PubliGroupe, Edipresse, Basler Zeitung, NZZ und Luzerner Zeitung. Dies hatte genauso eine Entflechtung zur Folge wie der Verkauf der Ringier-Anteile an der Luzerner Pressevertriebs AG, an der die ZUVO und die LZ Medien Holding jetzt je 50 Prozent halten. Die NZZ ihrerseits hat ihren Anteil an der LZ Medien Holding von einstmals 33,3 über 41,75 auf mittlerweile 45,6 Prozent erhöht. Geht es in diesem Stil weiter, könnte bis in ein oder zwei Jahren die NZZ die Mehrheit an der Luzerner Gruppe halten. Anstelle einer stark defizitären Mehrheit in Bern hielte sie dann eine profitable in Luzern. Kein schlechter Tausch.
NZZ und Südostschweiz rücken näher
Zudem will die NZZ mit der neuen Konstellation in Bern auch diese Minderheitsbeteiligung rentabel gestalten. Durch den Einbezug der Espace Media Groupe beim Bund ergibt sich für die NZZ-Gruppe eine Intensivierung der Beziehungen zu diesem Partner, mit dem sie schon seit einiger Zeit via die Benteli Verlags AG (Anteil NZZ 60%) verbunden ist.
Vertieft wurden in diesem Jahr auch die Kontakte zwischen den beiden Westschweizer Marktleadern Ringier und Edipresse. Dort war Ringier bisher mit 20 Prozent Juniorpartner an der Le Nouveau Quotidien ERL SA, die ihrerseits eine Minderheit von 47 Prozent an Le Temps hielt. Neu ist Ringier jetzt mit Edipresse bei Le Nouveau Quotidien mit 50 Prozent gleich berechtigter Partner. Zudem hält diese Firma mit 82 Prozent auch eine klare Mehrheit an der Westschweizer Elitezeitung. Im Anzeigenmarkt arbeitet Le Temps aber weiterhin mit der NZZ zusammen, ab 2004 im neuen NZZ BusinessCombi. Es löst das durch die Integration des Bund-Anzeigenteils in die Berner Zeitung wegfallende Kombi NZZ Grandplus ab.
Eine Vertiefung erfährt auch die Beziehung zwischen der NZZ-Gruppe und der Südostschweiz Medien AG. Letztere hielt schon bisher einen Anteil an der Buchs Medien AG (mit Vertretung im Verwaltungsrat), die zu 57 Prozent der AG für die Neue Zürcher Zeitung gehört. Ausserdem liefert die Südostschweiz den Mantelteil für den durch die Buchs Medien verlegten Werdenberger und Obertoggenburger. Jetzt wurde diese Beziehung durch die neue Südostschweiz Partner AG weiter intensiviert. Diese Firma wird bis Ende 2005 in Haag SG ein neues Druckzentrum für 22 Millionen Franken errichten. Dort sollen dann mit Ausnahme des Bote der Urschweiz alle Partnertitel der Südostschweiz sowie die letzte unabhängige Tageszeitung im Kanton St. Gallen, die Rheintalische Volkszeitung, gedruckt werden.
Vergebliches Liebeswerben der Tamedia
Während die NZZ-Gruppe ihr Regionalzeitungsgeschäft mit intensivierten Kontakten in die Südostschweiz weiter stärkt, versucht die Tamedia eine entsprechende Strategie umzusetzen. Ein erster, bescheidener Schritt ist sicher die Zusammenlegung der Waser Druck mit der Druckerei der Schaffhauser Nachrichten. Die Tamedia hat damit immerhin eine finanzielle Verbindung zu einer zweiten Regionalzeitung im Grossraum Zürich. Die andere Verbindung besteht aus der zehnprozentigen Beteiligung am Anzeiger von Uster, einem Kopfblatt des Zürcher Oberländer.
Um für Kooperationen gerüstet zu sein, richtet die Tamedia die Struktur ihres Flaggschiffes Tages-Anzeiger schon mal darauf aus. Die stellvertretende Chefredaktorin Daniela Decurtins soll bis im Frühling 2004 ein publizistisches und verlegerisches Konzept für eine Wachstumsstrategie im Zeitungsmarkt Zürich ausarbeiten. Im Vordergrund dürfte die Lieferung eines Tagi-Mantels stehen, sodass sich die Partnerverlage publizistisch voll auf ihre Region konzentrieren könnten. Damit würde sich der Tagi aber selbst konkurrenzieren und Gefahr laufen, auf dem Land Doppelabonnenten zu verlieren. Kommt dazu, dass es offenbar kaum einen Verlag gibt, der sich einen solchen Mantel anziehen will. Und ein Verkauf von Anteilen oder gar einer Mehrheit an die Tamedia scheint sowieso ziemlich das Letzte zu sein, was die Zürcher Regionalfürsten wollen. Für die meisten Titel ist der Tagi-Mantel zudem mindestens eine Nummer zu gross. Wenn schon müssten sich mindestens die Landtitel Gedanken in Richtung der Mikrozeitung machen (siehe Artikel «All Business is local» auf Seite 20). Wenn sie es nicht tun, könnte nämlich die Tamedia auf die Idee kommen, den Kanton mit solchen Mikrozeitungen zu überziehen. Dann hätten die kleineren Zeitungen wirklich ein Problem.
Magazin wieder in der Berner Zeitung?
Neue Kooperationen scheint der Tages-Anzeiger auch für sein Magazin zu suchen. Dies will immerhin die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. Dezember wissen. Sie schreibt, dass das Magazin wie schon früher auch der Berner Zeitung beigelegt werden soll. Das solle über die Beteiligung der Tamedia an der BZ problemlos zu realisieren sein. Das sieht man in Bern allerdings nicht ganz so. Zwischen zwei Sitzungen meint Polo Stäheli, Direktor der Espace Media Groupe, dazu nur kurz: «Auf Grund der früheren Erfahrungen sind wir von dieser Idee nur mässig begeistert.»
Im Visier der Tamedia ist aber auch die Basler Zeitung, die ihr eigenes Magazin ja kürzlich aus Kostengründen eingestellt hat. Nach Informationen von Verlagsleiter Daniel Sommer ist man aber noch nicht einmal so weit, darüber zu diskutieren, ob man über das Thema überhaupt ernsthafte Gespräche führen will. Denn in Basel hat jetzt die Neukonzeption der Zeitung unter dem neuen Chefredaktor Ivo Bachmann absolute Priorität (siehe auch Artikel «In der Klemme», Seite 10). Erst wenn dieses Neukonzept umgesetzt ist (im Laufe des ersten Halbjahres 2004), werde man sich mit der Frage befassen, ob man mit der Tamedia konkrete Gespräche führen wolle. Für Maili Wolf, Verlagsleiterin Tages-Anzeiger und Magazin, ist die Beilage in weiteren Regionalzeitungen im Übrigen lediglich eine Variante, die gegenwärtig geprüft wird.
Auch die BaZ ist auf Brautschau
Die von der Tamedia umworbene Basler Zeitung ist aber auch selber auf Brautschau. Zu der Reihe von kleinen Lokalblättern, die sich bereits vollständig im Besitz der BaZ befinden, ist 2003 ein Anteil von 50 Prozent am Fricktaler Bote gestossen. Jetzt möchte Verleger Hagemann das Modell Südostschweiz am Rheinknie umsetzen. Doch viele Möglichkeiten dazu gibt es nördlich des Juras nicht. In Frage kommt eigentlich nur die Basellandschaftliche Zeitung. Denn alle andern abonnierten Blätter erscheinen höchstens dreimal wöchentlich. Eine Integration solcher Blätter ist aber mit grossen Risiken verbunden. Denn die meisten Leute lesen diese Titel wegen der Lokalberichterstattung und würden eine ausgebaute Tageszeitung ablehnen. Das haben entsprechende Umpositionierungen in der Ostschweiz, in der Region Zürich und im Berner Oberland zur Genüge bewiesen. Ein Angebot auf zwei Ebenen (regional und lokal) schöpft den Zeitungsmarkt jedenfalls deutlich besser aus. Auch hier wären aber Gedanken in Richtung Mikrozeitungen nicht abwegig.
Wenn ein grösserer Mantel aus wirtschaftlichen Gründen unumgänglich ist, könnte Hagemann die Fühler auch in Richtung Mittelland Zeitung ausstrecken. Immerhin stellt sich die Frage, ob die Solothurner Zeitung unter der neuen Führung den Ende 2006 auslaufenden Zusammenarbeitsvertrag erneuert. Denn bei Vogt-Schild ist seit Ende Juni mit Fritz Schuhmacher derjenige Mann Verwaltungsratspräsident, der auch im VR der Basler Zeitung sitzt und ausserdem Vizepräsident des PubliGroupe-VR ist. Schuhmacher könnte zum Beispiel auf die Idee kommen, die BaZ mit der Aargauer Zeitung und den beiden Tagblättern in Olten und Zofingen zu einer Nordwestschweiz zu verbinden. Parallel dazu könnte er die Solothurner Zeitung unter das Dach der Espace Media Groupe bringen und im Gegenzug versuchen, für die PubliGroupe eine Vollpacht der Gesamtausgabe der Berner Zeitung herauszuholen.
Muss die Espace Media BE1 verkaufen?
Zunächst muss die Espace Media Groupe allerdings einmal das vom MTJ schon 1992 vorgeschlagene Berner Modell umsetzen. Wäre damals allerdings noch Ringier Hauptpartner der Berner Zeitung gewesen, ist es heute die NZZ-Gruppe. Erschwert wird die Stellungnahme der WeKo durch den gleichzeitigen Wunsch der Espace Media Groupe nach einer Minderheitsbeteiligung an der Tamedia-Tochter Express Zeitung AG, die bis Ende 2006 die 20 Minuten (Schweiz) AG vollständig übernehmen soll. Die Position der Espace Media Groupe auf dem Berner Medienmarkt wird durch das Berner Modell zweifellos gestärkt. Neben der starken Dominanz im Zeitungswerbemarkt und bei der lokalen TV-Werbung würde die Gruppe auch noch beide Lokalradios beherrschen und einen Fuss bei der sich etablierenden Pendlerzeitung 20 Minuten in der Türe halten. Unter diesen Umständen ist es durchaus denkbar, dass die WeKo den Einstieg beim Bund nur unter Auflagen bewilligt. Eine solche Auflage könnte zum Beispiel darin bestehen, dass die Anteile an Radio BE1 verkauft werden müssen. Da Bern (vor allem auf Grund des kleinen Sendegebietes) anerkanntermassen eigentlich zu klein für zwei ausgewachsene Radios ist, wird die Suche nach einem Käufer nicht ganz einfach werden.
Eine Variante wäre Radio 32, das aus BE 1 ein Fensterprogramm für Bern machen könnte. Damit erhielten die Besitzer (Solothurner Zeitung, Oltner Tagblatt und Zofinger Tagblatt) ein Standbein in Bern. Grosses Interesse an einer solchen Lösung müsste eigentlich die Vogt-Schild AG haben. Sie käme damit zu einem gewissen Gegengewicht zur Präsenz der Espace Media (mit dem Solothurner Tagblatt) in ihrem Heimmarkt. Die Frage ist nur, ob die Vogt-Schild AG unter VR-Präsident Fritz Schuhmacher dies noch wollen darf (siehe oben).
Interessante Perspektiven für NRJ
Im Vordergrund für eine allfällige Übernahme von BE1 steht allerdings die französische NRJ-Gruppe. Nachdem die Gruppe mit Zürich schon massgeblich im wichtigsten Gebiet des goldenen Dreiecks wirkt und am (offenbar sehr erfolgreich) neu lancierten Basel 1 einen Viertel hält, würde der Besitz von BE1 ihre Position in der Deutschschweiz erfolgreich abrunden.
Weitere Möglichkeiten könnten sich für die NRJ-Gruppe auch in der Zentralschweiz abzeichnen. So soll Sunshine-Besitzer Markus Ruoss nach Partnern Ausschau halten, die eine langfristige Zukunft für sein Unternehmen sichern können. Ausserdem hält Ringier immer noch eine 18-Prozent-Beteiligung an Radio Pilatus, die für das national und international ausgerichtete Medienhaus keinerlei strategische Bedeutung hat. Weitere 36,4 Prozent hält die LZ Medien Holding. Und wenn die NZZ einmal die Mehrheit an der LZ erreichen sollte, ist es durchaus möglich, dass auch dieser Anteil zum Verkauf stehen würde. Denn die NZZ setzt das Medium Radio nur zur Absicherung ihrer Presseaktivitäten ein. Unter diesen Prämissen wäre sogar ein Einstieg von NRJ in St. Gallen bei Radio Aktuell nicht auszuschliessen.
Eine Mehrheit für NRJ ist aber nach dem vorläufigen Stand in keinem Fall möglich. Eine ausländische Beherrschung von TV- und Radiostationen ist gemäss der aktuellen gesetzlichen Regelung nur dann möglich, wenn der entsprechende ausländische Staat in ähnlichem Umfang Gegenrecht gewährt. Da Frankreich für TV- und Radiosender mit terrestrischer Verbrei-tung aber nur eine Höchstbeteiligung von
20 Prozent erlaubt, ist diese Voraussetzung nicht erfüllt.
Pool 2000 in den OnePool?
Neben Synergien im Programmbereich würde aus einer Stärkung der NRJ-Gruppe auch eine neue Situation im Werbemarkt entstehen. So könnte der allfällige Einstieg in Bern die vom MTJ schon einige Male als sinnvoll bezeichnete Integration des Pool 2000 (mit Basel 1 und BE1) in den One Pool Tatsache werden. Denkbar wäre aber auch ein neuer Pool mit den drei Sendern in Zürich, Basel und Bern. Und wenn sogar ein Einstieg in der Zentralschweiz und St. Gallen Tatsache werden sollte, wäre auf einmal das Pendant zum Swisspool der Presse möglich und der Citypool um Radio 24 wieder auf das goldene Dreieck reduziert.
Diese Spekulationen sollen nur mögliche Perspektiven in der schweizerischen Radiolandschaft aufzeigen. Um Realität werden zu können, müssten sehr viele Faktoren zusammenpassen. Abgesehen vom Fall Bern wäre auch nicht damit zu rechnen, dass die Veränderungen vor 2005 Tatsache werden. Denn zu allem muss ja schliesslich auch noch das Bakom seinen Segen geben. Die WeKo müsste dagegen solche Veränderungen mit Applaus gutheissen. Wäre doch dadurch die Konkurrenz sichergestellt – dies allerdings wesentlich durch einen ausländischen Anbieter. Doch ein stärkerer Einfluss ausländischer Mediengruppen in der Schweiz wird sich langfristig sowieso nicht vermeiden lassen.
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